Kita-Leitung: „Kleinanzeigen, Bestechungsversuche, heftige Emotionen“

Jürgen Brehme – Sozialpädagoge, Gründer und Geschäftsführer des Freien Kindergarten e. V. Leipzig – erklärt, welche Probleme die Kita-Situation für ihn und seine Arbeit als Leiter einer Kindertagesstätte mit sich bringt.

brehme

Die Suche nach einem Betreuungsplatz in Leipzig ist für Eltern oft eine zeit- und nervenaufreibende Odysee. Welche Erfahrungen haben Sie mit betroffenen Eltern gemacht?

Wir bekommen den Druck der Eltern sehr deutlich zu spüren. Man könnte denken, für eine Einrichtung ist es gut, wenn es mehr Eltern als Plätze gibt. Wenn man aber ständig Eltern abweisen muss, die dringend einen Platz brauchen, macht das besonders die Kollegen in den Sprechstunden traurig. Die Enttäuschung der Eltern ist deutlich zu spüren.  Es ist ja schließlich kein Geschäft das wir einfach abwickeln.

Was raten Sie betroffenen Eltern?

Gute Tipps kann man den Eltern eigentlich nicht geben, da sie ja schon alles versuchen. Ob Platzsuche über Kleinanzeigen, Bestechungsversuche oder heftige Emotionen , das haben wir alles schon erlebt.

Ab September gibt es den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz auch für unter 3-jährige Kinder. Der Druck auf die Leipziger Kindertagesstätten könnte mit Ausdehnung der Platzkapazitäten in bestehenden Räumlichkeiten und Verschlechterung des Betreuungsschlüssels noch steigen. Wie fühlen Sie sich auf dieser Situation vorbereitet?

Schon seit ungefähr 10 Jahren gehen Vertreter der Stadt durch die Einrichtungen mit suchendem Blick nach mehr Plätzen, die Platzgrenzen wurden also immer wieder verschoben. Daher werden Sie wohl kaum eine Einrichtung in Leipzig finden, wo es noch größere Reserven gibt. Vor 2 Jahren kam dann vom damaligen Jugendamtsleiter die relativ unverblümte Ansage „Qualität interessiert uns im Moment nicht, jetzt zählt Quantität!“. Die Träger haben darauf sehr unterschiedlich reagiert, einige sagten „Klar, das gehen wir an“, andere konnten nicht zulassen, dass die jahrelang erkämpften qualitativen Errungenschaften plötzlich fallengelassen werden sollten.
Trotzdem haben wir uns Gedanken darüber gemacht, was kapazitätstechnisch noch machbar ist. Unsere Einrichtungen haben die Platzzahlen erhöht, zusätzlich können wir für eine bestimmte Zeit um ein paar Plätze überbelegen. Aber natürlich darf dabei die Qualität nicht auf der Strecke bleiben. Die Kinder verbringen schließlich den Großteil ihres Tages in der Kita.

Für den geplanten Ausbau der Betreuungskapazitäten in Leipzig werden neue ErzieherInnen benötigt. Wie schwierig ist es momentan, qualifiziertes Betreuungspersonal zu finden?

Da wir sehr aktiv in der Erzieherausbildung sind haben wir immer viele Praktikanten. Da kennt man sich und kann auch bei Stellensuchen auf diesen Pool von Leuten zurückgreifen. Wenn aber eine große Einrichtung eröffnet, könnte es schon schwierig werden genügend ErzieherInnen zu finden. Da gibt es Fälle mit 80% Berufsanfängern und das ist dann schon ein qualitatives Problem. Zum Thema Akademiker in die Kitas: wir haben die Erfahrung gemacht, dass im Rahmen von Einzelfallprüfung  mit den Zulassungsbehörden des Landes eigentlich in den meisten Fällen eine Einstellung erwirkt werden konnte. In den jetzigen Gesetzen gibt es bereits Spielräume und die Bürokraten sind sich des Mangels schon bewusst. Natürlich muss sich auch die bewerbende Person engagieren und eventuell fehlende Qualifizierungen berufsbegleitend nachholen.

Was müsste seitens der Politik Ihrer Meinung nach am dringendsten verändert werden?

Ich möchte auf einen grundsätzlichen Missstand eingehen, nämlich die Stellung von kleinen Kindern in unserer Gesellschaft allgemein. Wie wichtig ist es, unseren Kindern gute Bedingungen für ihre Entwicklung zu schaffen? Fachlich ist es unstrittig ein entscheidendes Alter wo viele Weichen für die Zukunft gestellt werden.
Aber in unserer Stadt wird bei der Bedarfsplanung eher geschaut, dass dieser nicht zu hoch ausfällt, damit es nicht zu teuer wird. Wenn man aber von vornherein mit einer gewissen Großzügigkeit an das Thema gegangen wäre, wäre heute der Mangel nicht so groß. Aber dem Stadtrat scheinen anderen Themen immer viel wichtiger zu sein.  Man fühlt sich genervt, dass immer wieder dieses Kita-Thema kommt. Wie viele der Leute dort haben ihre eigene Firma und wie viele haben eigene Kinder? Eine familienfreundliche Stadt sollte doch sagen: an Kitas wird nicht gespart! Kinder sollten wichtiger sein, als dass die Straßenreinigung pünktlich kommt oder Schlaglöcher zugemacht werden!

Wie kann man trotz der angespannten Situation eine gute und kreative Betreuung gewährleisten?

Es stimmt, die Betreuungsbedingungen sind schon jetzt alles andere als rosig. Der Personalschlüssel in Leipzig ist schlecht im Deuschlandvergleich und Deutschland steht europaweit schlecht da. Freiflächen sind schon jetzt knapp bemessen, da kann man nicht noch mehr Abstriche machen. Auch kann ich mir nicht vorstellen, wie man neue Einrichtungen mit 165 Plätzen realisieren will, ohne dass es nur ein Betreuungsbetrieb ist. Wie soll sich ein kleines Kind denn in einer so riesigen Einrichtung angenommen fühlen? Da verschieben sich auch die Relationen: da wird in der Verwaltung festgelegt, 165 Plätze ist optimal und dann tun alle so als sei dies der Normalzustand. Wenn die Eltern die Wahl hätten, würden sie sich für kleinere Einrichtungen entscheiden.

Wie stehen Sie zum aktuellen Platzvergabesystem?

Ich befürworte das bestehende pluralistische System. Auf diesem Wege hat jeder die gleichen Chancen. Bei zentraler Vergabe haben die Leute Glück, die den Kriterien entsprechen oder versuchen sich diesen anzupassen, das ist nicht fair. Jedes System bringt aber natürlich die Ungerechtigkeit hervor, dass es Familien gibt, die kein Platz bekommen. Und das liegt am Platzmangel selbst. Dieser hat sich in unserer Stadt angestaut und ist jetzt einfach da. Also müssen neue Einrichtungen geschaffen werden. Das ist in Deutschland aber sehr kompliziert, da hängt ein Wust Bürokratie dran, sprich: es dauert. Sie müssen von einem etwa 2-jährigen Prozess ausgehen wenn sie ein geeignetes Grundstück gefunden haben,  daran ändert auch die Modulbauweise nichts.

Über den Verein

Der Freie Kindergarten e. V. wurde 1992 von Fachleuten und Eltern gegründet, die sich durch eine von Demokratie und Kindes-Achtung geprägte Philosophie verbunden fühlen. Diese Bürgerinitiative trägt seitdem eigene Freie Kindergärten, mittlerweile auf drei Teams angewachsen, und kooperiert mit Tagespflegemüttern und -vätern.

Als Modellprojekt der Stadt Leipzig (3 Jahre lang), danach des Freistaats Sachsen, und als Hospitations-Einrichtung steht der Verein mit seinen Eltern und seinen Fachkräften für eine demokratische und zeitgemäße Begleitung der kindlichen Entwicklung und Bildung.

Der Verein wird von einem ehrenamtlichen Vorstand präsentiert, für die geschäftliche Arbeit ist ein Geschäftsführer bestellt. Als Träger der freien Jugendhilfe ist der Verein uneingeschränkt gemeinnützig und gehört dem Dachverband Der Paritätische an.

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5 Antworten zu “Kita-Leitung: „Kleinanzeigen, Bestechungsversuche, heftige Emotionen“

  1. Pingback: Postionen der Stadtratsfraktionen – Teil 1 | Die Leipziger Kita-Initiative

  2. Ich widerspreche Herrn Brehme, dass durch das derzeitige System jede Familie gleiche Chancen haben einen Platz zu bekommen.
    Denn genau durch dieses pluralistische System haben die Familien eben nicht gleiche Chancen. Gleiche Chancen würden bedeuten, dass jede Familie gleich ist, 100% gleiche Voraussetzungen mitbringt. Und dies ist ja nun unstrittig.
    Vielmehr ist eine zentrale Vergabe der Plätze unumgänglich, da eben genau dadurch die Gleichbehandlung gewahrt wird.

    Beispiel: Eine Familie, die sehr viel Geld zur Verfügung hat, geht in eine Kita und spendet mal eben 2000-3000€ und erhält unter der Hand einen Platz. Eine Familie, die es gerade so über die Runden schafft, hat dahingehend keine Möglichkeiten und wird abgewiesen. TV-Reportagen belegen diese Tatsachen.

    Ebenso die Tatsache, dass es Familien gibt, die eigentlich nicht so dringlichen einen Platz bräuchten (Familien, die immer zu Hause sind), die aber bevorzugt behandelt werden, da das Geld direkt vom Staat kommt.

    Wo liegt denn hier die Chancengleichheit?

    Eine zentrale Vergabe der Kitaplätze ist für ALLE Beteiligten die einfachste, unbürokratischste, stressfreiste und zeitlich kürzeste Sache.
    Zum Beispiel kann der Bedarf für einen Betreuungsplatz direkt mit Abholen der Geburtsurkunde aus dem Rathaus erfragt werden. Dort wird der Bedarf an die zentrale Stelle weitergeleitet, inklusive aller Eckdaten, die für die zentrale Verteilung notwendig ist.

    Wieso geht es denn außerdem nicht, dass ein Kind, welches beispielweise im Bachviertel in Leipzig wohnt, aufwächst, Freunde hat, auch in die Kita im Bachviertel geht? Wieso geht das bei den Grundschulen, aber bei den Kitas nicht zwangsweise?
    Es ist doch komplett (!!!) sinnfrei ein Kind Freunde kennenlernen zu lassen, die komplett am anderen Ende der Stadt wohnen.

    Daher MUSS, und das muss ich noch einmal verdeutlichen, eine ZENTRALE Vergabestelle für Kitaplätze geschaffen werden und dieses 15000€/pro Jahr teure Portal abgeschafft werden, wo sowieso keine konkreten Plätze auftauchen, und wenn doch, haben die betreffenden Kitas gerade einen Fehler gemacht oder mussten den Platz kurz im Portal freigeben und den Platz dann unter der Hand anderen Eltern geben, so wie das bei uns der Fall war.

  3. Ich weiß gar nicht, ob hier Diskussion vorgesehen ist…
    Pluralismus bedeutet, dass es Kitas gibt, die sich bestechen lassen, und Kitas, die Kinder in sozialer Not helfen, andere wieder stellen Arbeitsbeginn an erste Dringlichkeit usw. – jede Familie kann die Kita finden, die Zugang gewährt (wenn es denn genug Plätze gäbe).
    Bei zentraler Vergabe würden (theoretisch) alle an gleichen Kriterien gemessen. Wenn Sie diese gerade erfüllen, finden Sie das toll. Andere, die bei zentraler Vergabe von der Sachbearbeiterin, die da Tausende Fälle einordnen muss, zurückgestuft wird in der Dringlichkeit, fällt dann chancenlos aus dem Raster und findet das sicher nicht gerecht.
    Aber noch einmal: Nicht die Platzvergabesysteme sind das Problem, so lange es zu wenig Plätze gibt. Ich kann den Bürgern der Stadt nur empfehlen, setzen Sie ihre Energie gegenüber Stadtrat und Verwaltung ein, um den Stellenwert der Bildung und Betreuung der Kleinen zu erhöhen. Gibt es genug Angebot, hat sich die Diskussion um Vergabekriterien erledigt.
    Mit freundlichen Grüßen!
    J. Brehme

  4. Pingback: Positionen des Stadtrats – Zusammenfassung & Stellungnahme | Die Leipziger Kita-Initiative

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