Schlagwort-Archive: rechtsanspruch 2013

Betroffene Eltern (2): „Dauerstress in der Familie!“

Britta Z. schildert die stressige Suche nach einen Krippenplatz in Leipzig für ihre Tochter, die letztendlich nicht erfolgreich war. Wie viele Leipziger Eltern hatte sie sich das erste Jahr mit ihrer Tochter etwas anders und weniger sorgenvoll vorgestellt. Britta kritisiert insbesondere das Kita-Portal und schlägt vor, die Vergabe wie bei der Zuteilung von Seminarplätzen an der Universität zu regeln.

Inwiefern seid ihr mit dem Kita-Problem in Leipzig in Berührung gekommen?

Wir brauchen einen Krippenplatz für unsere Tochter. Seit ihrem dritten Lebensmonat schauen wir ständig im Kita-Portal nach freien Plätzen. Wir haben uns sogar einen Update-Scanner installiert. Außerdem mussten auch wir eine Liste der Kitas erstellen, die in Frage kommen, obwohl es direkt vor unserer Tür eine Kita gibt, die auch einer unserer Favoriten wäre. Die Kita vergibt aber nur Plätze über das Portal. Zu den Kitas auf unserer Liste – nur Kitas, die ihre Plätze nicht (angeblich) über das Portal vergeben – haben wir Anmeldungen oder Interessenbekundungen geschickt. Es hat sich nur eine Kita überhaupt zurückgemeldet, bei der stehen wir nun auf der Warteliste.

Was hat euch bei der Suche nach einem Kitaplatz besonders erstaunt oder enttäuscht?

Erstaunt hat mich, dass die Stadt so stolz darauf ist, dass das Portal ein Echtzeitsystem ist. Wo ist denn da bitte die Gerechtigkeit? Die Eltern die den ganzen Tag am PC sitzen werden belohnt und die, die mit ihrem Kind spazieren sind oder sich anderweitig sinnvoll mit ihm beschäftigen werden bestraft? Auch die Anrufe bei den Kitas haben mich enttäuscht. Egal wie freundlich wir waren, wir wurden ständig abgewimmelt. Die Aussage des Jugendamtes, dass die meisten Plätze erfahrungsgemäß von Mitte Mai bis Mitte Juni freigegeben werden, ist nicht gerade ermutigend. Zum Einen weiß man nicht, ob man dann wirklich in einer guten Kita einen Platz erhält und zum Anderen passt der Zeitpunkt gar nicht für alle Eltern gleichermaßen. Wenn man zum Beispiel ab August einen Platz benötigt und dann vielleicht keinen in der Vergabezeit ergattert, dürfte es schwer werden, zwischen Ende Juni und Anfang August noch eine gute Tagesmutter oder andere Alternativen zu finden. Außerdem: Niemand möchte sein Kind eigentlich in irgendeine Kita geben. Es gibt deutliche qualitative Unterschiede zwischen den Kitas und ich persönlich möchte mein Kind nicht nur verwahrt wissen!

Was hättet ihr euch eigentlich gewünscht?

Vor allem deutlich mehr Unterstützung von Seiten der Stadt und von den Kitas direkt. Als Eltern bekommt man nirgends Hilfe oder vernünftige Informationen. Ständig verweisen die Kitas auf das Portal, keine Kita sagt konkret, wann ihre Plätze ungefähr vergegeben werden oder Ähnliches. Das ist belastend!

Welche Auswirkungen hatte die Situation für eure Familie?

Der ständige Druck das Portal zu überprüfen, um ja keinen Platz zu verpassen führt zu einem Dauerstress in der Familie. Man ist tagsüber, manchmal bis Mitternacht gezwungen, ständig die Webseite zu prüfen. Der mangelnde Schlaf und die ständige Angst, keinen Platz zu bekommen bzw. den Wunschplatz verpasst zu haben, verstärken diesen Stress zusätzlich. Wenn man dann mal einen freien Platz erwischt, hat man keine Zeit zu schauen, ob einem die Kita zusagt. Dann geht es nur noch darum, wer der Schnellste war. Wenn man Pech hat, ist die Reservierung nach dem Ausfüllen schon vergeben. Dies ist uns einige Mal passiert! Wir waren irgendwann nur noch frustriert. Einmal hatten wir eine Reservierung, aber die Kita hat uns trotzdem nicht zugesagt.

Die Gesamtsituation der spät frei werdenden Plätze hat dazu geführt, dass wir umgeschwenkt sind auf eine kompetente Tagesmutter – entgegen unserer ursprünglichen Absicht, definitiv einen Krippenplatz zu wollen. Die Suche nach einem Platz war innerhalb weniger Tage erfolgreich. Hierdurch fällt ein großer Teil des Stress weg. Wir haben nun die Möglichkeit unser Kind von einer ausgebildeten Erzieherin betreuen zu lassen und müssen auf keine Notlösung zurückgreifen. Bei unserem Wunschkindergarten stehen wir bereits seit einem halben Jahr auf der Warteliste und sind zuversichtlich bis zu ihrem 3. Lebensjahr einen Platz zu bekommen.

Was muss aus eurer Sicht verbessert werden? 

Das Vergabesystem! Komplett!

Wenn ihr den Verantwortlichen etwas direkt sagen könntet…

Eine Bitte hätte ich an die Stadt: Eine Änderung der Anmeldungsfunktion im Portal. Wünschenswert fände ich, wenn es so funktionieren würde wie eine Seminaranmeldung an der Hochschule, an der ich studiere: Es gibt eine begrenzte Zahl freier Studienplätze. Wer zuerst kommt, bekommt einen Platz im Seminar. Wenn der Kurs voll ist, kommt man automatisch auf die Warteliste und sieht auf welchen Wartelistenplatz man sich befindet. Wenn jemand aus dem Kurs aussteigt, dann rückt man auch automatisch nach und erhält eine E-Mail.

Wenn man es auf das Kita-Portal übertragen würde müsste es so aussehen, dass man seine Wunschkita(s) aufruft und sich dort anmelden kann, wer sich zuerst anmeldet, bekommt dann eine Reservierung. Die Zahl der Reservierungen sollte der Anzahl der freien Plätze entsprechen! Alle anderen, die keine freie Reservierung ergattern konnten, erhalten einen Wartelistenplatz. Damit die Anzahl der Warteplätze nicht ein unendliches Maß annimmt, sollte in regelmäßigen Abständen per Mail erinnert werden ob man sich noch für den Platz interessiert und wenn ja, muss man innerhalb von 14 Tagen den Wartelistenplatz bestätigen. Bei Nichtbestätigung fliegt man automatisch aus der Liste. Diejenigen, die eine Reservierung haben, können sich innerhalb von 7 Tagen bei der Kita-Leitung melden. Wird dies nicht wahrgenommen, rücken andere Familien nach. Geschwister sollten weiterhin berücksichtigt werden. Man könnte, wenn man bereits ein Geschwisterkind in der Wunschkita hat, dies angeben und wird bevorzugt nach vorn geschoben.

Advertisements

Offener Brief an OBM Burkhard Jung

Sehr geehrter Oberbürgermeister Jung,

momentan befinden Sie sich im Wahlkampf, Sie möchten als Oberbürgermeister wieder gewählt werden und versprechen viele ambitionierte Ziele. In Ihrem Wahlprogramm können wir Ihre Erfolge und Ziele lesen: In den letzten 6 Jahren haben Sie als Oberbürgermeister 25 neue Kitas, 13 Erweiterungen und 14 Ersatzbauten und damit 5400 neue Kinderbetreuungsplätze geschaffen. Allein im Jahre 2013 wollen Sie nun 24 Kitas (12 Neubauten, 11 Erweiterungsbauten, 1 Ersatzbau) bauen, dies und die Aufstockung der Tagespflege soll zur Schaffung von 2488 Plätze führen. Sie wollen in einem Jahr die Hälfte von dem schaffen, was Sie in 6 Jahren geschaffen haben. Wir begrüßen die Ziele ausdrücklich, wundern uns allerdings über die ambitionierten Pläne gerade im Wahlkampfjahr. Außerdem lassen nicht nur die Zahlen, sondern auch unsere Erfahrungen den Schluss zu, dass Sie in den vergangenen Jahren beim Kita-Ausbau viel versäumt haben.

Wir möchten Ihnen mit einem Beispiel unserer Sorgen verdeutlichen. Die Stadt Leipzig plant eine Kita in der Schulze-Delitzsch-Straße mit 163 Plätzen. Im Protokoll des Stadtrates vom 16. Mai 2012. steht: „Zum Standort Schulze-Delitzsch-Straße laufe derzeit das Baugenehmigungsverfahren. Die Inbetriebnahme sei für März 2013 vorgesehen.“ (Fabian). In der Bedarfsplanung der Stadt (Stand 23.11.12.) soll die Inbetriebnahme für den 01.09.13. erfolgen. Eine Verzögerung von 6 Monaten. Aber noch nicht genug, schaut man sich das Gelände einmal an, erkennt man nichts von einer zukünftigen Kita. 163 Plätze die vermutlich nicht ab 01.09.2013 zur Verfügung stehen werden. Liegen wir da falsch? Es lassen sich sicher noch viele weitere Beispiele finden.

Zehn der von Ihnen geplanten Einrichtungen sollen in Modulbauweise errichtet werden. Wie schnell ist eine Inbetriebnahme dieser Einrichtungen möglich? In Anbetracht der Tatsache, dass viele Kommunen versuchen werden, den Rechtsanspruch ab 01.08.2013 zu erfüllen, werden die Händler der Kitas in Modulbauweise Lieferungsschwierigkeiten haben. Haben Sie dies in ihrer Planung berücksichtigt?

Ferner versprechen Sie den Rechtsanspruch ab 01. August 2013 zu erfüllen, aber nur ein Drittel der von Ihnen aufgeführten Bauvorhaben wird selbst bei wohlwollender Lesart bis dahin in Betrieb gehen. Bei den meisten Bauvorhaben ist die Fertigstellung für das 4.Quartal 2013 geplant, davon sogar die Meisten erst im Dezember 2013. Zu dem machen wir uns große Sorgen, dass einige Bauvorhaben gar nicht realisiert werden. Dies konnten wir in der Vergangenheit zu häufig beobachten, in den Plänen tauchten Kitas auf, die nie weiterverfolgt wurden, beispielsweise: Karl-Liebknecht-Straße 30-32, Puschstraße 9, usw., daher unsere Frage: Wie realistisch sind ihre Pläne?

Ein Großteil der geplanten Einrichtungen werden nicht von der Stadt gebaut, welche Maßnahmen zur Unterstützung und Umsetzung hat die Stadt ergriffen um die Freien Träger beim Bau und Fertigstellung der Einrichtungen zu begleiten?

Aus den Protokollen der Stadtratssitzungen konnten wir entnehmen: „Vor diesem Hintergrund seien die Anstrengungen besonders darauf gerichtet, kurz- bis mittelfristig zusätzliche Plätze bereitzustellen, um den Nachfrageüberhang zu kompensieren. Dies geschehe zum Beispiel durch Anpassung der bedarfsplanerisch ausgewiesenen Kapazitäten im Rahmen der Betriebserlaubnis und der baulichen Voraussetzungen der jeweiligen Einrichtungen und der damit verbundenen kurzzeitigen Erhöhung der Platzzahlen sowie durch kurzfristige Anmietungen von zusätzlichen Raumressourcen.“ (Fabian, 16.05.12) und „Die Begrenzung der Platzzahl für Kindertagespflege bei den Trägern sei aufgehoben worden. Anträge auf Erweiterung der Zahl der Plätze in der

Kindertagespflege würden genehmigt.“ (Fabian, 20.06.12) – Wir befürchten daher Qualitätseinbußen in der Betreuung unserer Kinder. Wie wollen Sie trotz des großen Bedarfes die Qualität in den Einrichtungen sicher stellen?

Allein der Bau von Kitas löst das Problem noch nicht. Wir sehen uns konfrontiert mit einem Erzieher/innen-Mangel. Bei 2.488 Betreuungsplätzen und einem Betreuungsschlüssel von 1:13 (im Krippenbereich 1:6) brauchen wir 190 neue Erzieher/ innen. Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um den Erzieher/innen-Mangel entgegenzuwirken? Zeichnen sich Qualitätseinbußen ab?

Wir möchten Sie um die Beantwortung der Fragen bis Freitag, den 25.01. bitten, um allen Eltern eine Wahlentscheidung auf realistischen Boden zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Leipziger Kita-Initiative